Abschied

Wir sitzen nebeneinander und warten auf den Bus. Unser Schweigen schwängert die Luft und lässt sie schwer werden, so schwer, dass sie uns gewaltsam auf die kalten Sitze drückt. Jeder von uns hängt seinen Gedanken nach, schaut hin und wieder zum anderen und wendet sogleich den Blick wieder ab. Schüchtern suchen wir nach den passenden…

Der sicherste Ort der Welt

Ich liege auf dem Bauch und drücke meine Nase in das weiche Kissen. Der Duft seines frisch gewaschenen Bezugs umgibt mich und selig fange ich zu Lächeln an. Meine Hände graben sich darin ein und ich schiebe meinen Körper weiter unter die warme Decke. Zufrieden schließe ich die Augen und die Gedanken taumeln schlaftrunken wieder…

Haut

Willst du wissen, wer ich bin? Dann schau unter meine Haut. Ich streife sie für dich ab, Schicht um Schicht löse ich sie auf. Schau mich einmal genau an, schau unter meine Haut, du wolltest wissen, wer ich bin, hast du es dir so erträumt? Was du vor dir siehst und woran du glaubst: Ich…

Sommerregen

Eure Worte prasseln wie Regen auf uns nieder und jeder Tropfen wird zu einem Zweifel an der Idee. Doch jeder Versuch, uns damit zu ertränken, ist vergebens, denn wir schwimmen euch davon. Wir schwimmen durch das Blau, das uns den Atem raubt, lassen uns gleiten und gleiten euch davon. Wir springen in den Himmel, wir…

Maischläfer

Alle schlafen noch, nur wir sind schon wach. Schleichen uns raus, wandern durch die menschenleere Stadt. Heile Welt, kaputte Ampeln, laute Stille, leises Trampeln – mit dem Strom, gegen den Sinn, lassen uns gleiten, irgendwohin. Ein leichter Hauch weht uns voraus, trägt die Stimmen fort, als sei´s ein Traum. Wir jagen ihnen lachend hinterher, treiben…

Kleine Universen

Ich sehe mich selbst vor mir. Von oben betrachte ich mich und den Raum, in dem ich mich aufhalte. Ich stelle mir diesen Raum in der Wohnung vor, die Wohnung in dem Haus, das Haus an der Straße, die Straße in dem Viertel, das Viertel in der Stadt, die Stadt im Bezirk, den Bezirk im…

nackt

sanft weht der wind seinen atem zu mir streift alles ab sodass es mich friert wärmend legt er sich auf meine glieder ich fühle die liebe ich fühle das fieber nach dem sturm ein letzter hauch es regnet blüten auf meinen bauch

Spiegelungen

Das neue Jahr ist angebrochen und wir schauen darin vor und zugleich schauen wir zurück. Wir halten uns die vergangenen Monate wie einen Spiegel vor das Gesicht, auf der Suche nach Sorgenfältchen, trägen Lidern oder einem Lächeln. Wir zerbrechen uns den Kopf über Vergangenes, hören das Klirren der Gedanken, die zu Boden fallen und betrachten…

Eine Göttliche Tragödie

Der Tag ist grau, formlos wie die Wolken über uns. Kaum ein Mensch ist unterwegs, nur der Wind spielt ausgelassen mit dem Laub, wirbelt Blätter auf und lässt sie fallen. Ich schaue auf meine Füße, während wir den Weg zur Kirche hinaufgehen: Links, rechts, links, rechts – ein ewig gleichbleibender Rhythmus. Es schert sie nicht,…

Licht und Schatten

Müde von Erklärungsversuchen, von Gründen und Ursachen sitzen wir am Rhein. Die Sonne ist längst untergegangen und das schwarze Wasser unter unseren Füßen spiegelt die schwere Wolkendecke, die den Himmel soeben für die Nacht zugedeckt hat. Gierig werden die Geräusche der Stadt von der sich ausbreitenden Dunkelheit geschluckt, sodass wir in ein Flüstern verfallen, aus…